Raketen-Logbuch #3 - Cosmos Studiozeit

 

Die erste große Studioaufnahme. Jetzt gilt's. Jetzt möchte man alles perfekt machen. Das beste Ergebnis erzielen, die Songs vollenden. Beinahe jeden Abend sitzt man mit seiner Gitarre zuhause und geht nochmal jedes Detail durch. Man spielt immer wieder sämtliche Songs. So viele Fragen gilt es zu klären. Stimmt jeder Ton? Ist das Solo schon geil genug? Welche Gitarren nehme ich mit? Wie viele Amps brauche ich? Wann kommt welcher Sound zum Einsatz? Was gibt’s zum Essen? Am Ende entsteht eine mehrseitige Tabelle für jeden Song inklusive Gitarre, Amp und Sound. Den Rest muss man dann einfach im Kopf haben.

         

Und plötzlich war die Studiowoche auch schon da & man bekam das Gefühl, dass man noch wochenlang hätte tüfteln können. Aber wann ist man schon 100 % zufrieden? Am Ende sollte man sich einfach auf sein Gefühl verlassen.

         

Aber erst mal ging es am Freitag davor zum Aufbau und Soundcheck des grundsätzlichen Set Ups. Da Corona in vollem Gange war, mussten wir alles so disponieren, dass sich immer möglichst wenige Leute gleichzeitig im Studio befinden. Gleichzeitig war es wohl die Woche in der ich mit Abstand am meisten Maske getragen habe. Wie man es schon „Live“ gewohnt war, durften die Drums anfangen & somit war Wolfi schon am frühen Nachmittag dran, während ich erst gegen abends als Letztes aufschlagen durfte. Als ich schließlich ankam, stand der Studioassistent Tommy schon bereit, mir beim Ausladen zu helfen & ich konnte meinen Platz im Gang zwischen dem Abhörraum unseres Produzenten Reini & dem großen Aufnahmeraum mit unseren Rhythmus-Jungs beziehen. Schnell waren die Amps aufeinander gestapelt, die Effekte aufgebaut, meine Lieblings-Strat aus dem Koffer geholt, Kopfhörer aufgesetzt & schon kamen auch schon die ersten Gitarrenklänge meiner Marshallbox bei meinen Ohren an. Keine halbe Stunde später waren wir auch schon wieder fertig & waren bereit für die (gefühlt viel zu schnell) kommende Aufnahme-Woche.

          

An das Wochenende darauf kann ich mich eigentlich kaum noch erinnern. Vermutlich war ich gedanklich schon längst wieder im Studio. Und schon war es Montag. Ein Wecker + zwei weitere Erinnerungen stellten sicher, dass ich meinen morgendlichen Zeitplan einhalten konnte. Nach dem Frühstück noch schnell die letzte Gitarre und meinen Rucksack mit Kopfhörer und Proviant eingepackt und schon ging es los. Unser treuester Begleiter war natürlich die Maske. Da war es jedes mal eine Wohltat, wenn alle in ihren Räumen standen, die Türen zu gingen & wir mit freien Nasen auf unseren Instrumenten spielen konnten.

              

In den ersten drei Tagen ging es zunächst mal um den vermeintlich „einfacheren“ Teil: Die Grundgerüste der Songs wurden von uns allen gemeinsam „live“ eingespielt. Mit nichts außer einem „Klick“ & den zuvor vorbereiteten Gesangsspuren von Chris entstanden die ersten Rhythmus-Parts der Songs. Vermeintlich einfach deswegen, weil ich zwar erst mal hauptsächlich nur Akkorde zu spielen hatte, aber man diesmal ja nicht mal mehr den kleinsten Verspieler in seinen Aufnahmen haben wollte. Wer will schon jedes Mal verantwortlich sein, dass die komplette Band immer wieder die gleiche Stelle spielen muss. Was sich anfangs noch ein wenig nervös anfühlte, wurde über die Tage immer lockerer, allein schon weil man merkte, dass man die Songs nach wochenlangem Üben einfach intus hatte. Witziger Fun-Fact: Mein meist gesagter Satz in diesen ersten drei Tage war glaube ich: „Mir ist beim letzten Durchgang grad noch was Neues eingefallen, kann ich das nochmal machen?“ Und tatsächlich ist einiges von diesem „Neuem“ auch auf dem Album zu hören.

     

Nachmittags war dann Chris mit den jeweiligen Gesangsparts dran & ich durfte neben Reini am Mischpult sitzend immer wieder unseren eben eingespielten Grundgerüsten lauschen. (Natürlich immer schön mit Maske auf)


Richtig interessant wurde es für mich allerdings erst ab Donnerstag: Hier kamen zunächst mal meine Zusatzinstrumente, nämlich meine Resonatorgitarre & meine extra für „For So Long“ angeschaffte Mandoline zum Einsatz. Mit diesen beiden Schmuckstücken wurden auf einem Großteil der Songs wie z.B. „You Are“ & „It Happens for a Reason“ meine Rhythmus-Parts nochmals ein gutes Stück aufgewertet.

         

In der 2. Hälfte meines Solo-Vormittags haben wir uns dann die ersten Zusatzmelodien wie z.B. bei „In Front Of Me“ & „Autumn Riot“ vorgenommen. Ab Mittag hab ich dann meine Gitarren für unsere Gastsängerin Kleo beiseite gelegt & konnte, wie schon die Tage zuvor, meine Finger & meinen Kopf ein wenig ausruhen. Rückblickend bin ich sehr froh, dass wir an diesem Tag schon so viel geschafft hatten, denn obwohl ich den Freitag schließlich komplett für mich hatte & es „nur“ noch ein paar Solos zum Einspielen waren, musste ich feststellen, dass mein anstrengendster Tag noch vor mir lag.

        

Wie immer war ich schon früh da. Im Studio war es noch dunkel. Mein Effektboard lag von gestern noch im großen Aufnahmeraum, zwischen Schlagzeug & Bass Amp. So hatte ich mehr Platz zum Austoben. Schnell wurden alle benötigten Gitarren ausgepackt & schon mal durchgestimmt, während sich die Röhren in den Amps schon warm glühten. Jetzt noch schnell einen Kaffee & der Reini kann kommen. Zunächst war ich überrascht, wie schnell ich die Soli zu „Shine a Light“ & „Same Old Song“ eingespielt hatte, aber die dicken Brocken sollten noch kommen. Schließlich kam mit „Maxime“ eines meiner liebsten Soli, da ich mich hier bluesmäßig richtig auslassen konnte. Allerdings merkte ich plötzlich, dass die ersten 4 Stunden dieses Tages nicht ganz spurlos an mir vorüber gingen & ich langsam eine leichte Unwucht zwischen meinem Hirn & meinen Händen spürte. Und dann war „Change“ dran. Mein kniffligstes Solo habe ich mir fast bis zum Schluss aufgehoben & das teilten mir auch meine Hände nun unmissverständlich mit. Es kann einen schon zur mittleren Weißglut bringen, wenn man einen beinahe perfekten Durchgang nur wegen einer verschluckten Note oder einem krummen Saitenzieher nicht als finales Ergebnis stehen lassen kann. Aber zum Glück ist der Reini ja ein wahrer Meister des Schneidens & konnte aus meinen besten Durchgängen mein Traumsolo zusammensetzen.


Mit dem letzten Ton von „Home“ ging dann meine letzten Aufnahmesession dieser Woche nach knapp 6 Stunden zu Ende & bescherte meinen Fingern (und wohl auch meinem Schädel) schließlich die verdiente Erholung.

 

So schnell die Woche da war, so schnell war sie auch schon wieder vorbei. Zurück bleibt eine Mischung aus wohliger Erschöpfung, ein klein wenig Angst, vielleicht doch etwas vergessen zu haben & aber auch ein wenig Stolz!